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Anhang G

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Postulate einer zukunftsfähigen Denkweise

a. Tierschutz und Ökologie erfordern Ethik und ganzheitliches Denken

Philosophie, Religion, Tierschutz und Ökologie stehen in engster Verbindung. So stellt sich ein Christentum, das sich nur um  den Menschen dreht und die dürftigen Hinweise aus den heiligen Schriften, anständig mit der Schöpfung umzugehen, nie zu einem kohärenten philosophischen Gebäude ausgebaut hat, selbst in Frage. Das Christentum  hinterfrägt sinnlose Grausamkeiten und die gedankenlose Vernichtung von Leben keineswegs; viel mehr bildet es sich weiss was ein auf unsere Vernunft und unser Verstehen, auf unsere Liebe und Barmherzigkeit, und setzt sich über den Heiligen Franziskus von Assisi* (1182-1226) unbekümmert hinweg. Tiefste Stufen sind wohl dort erreicht, wo sich Menschen mit Tierquälereien die Zeit vertreiben: Stierkampf und Stierhatz, Bärenjagd, Tanzbären und Vogeljagd, Treibjagden und Tierkämpfe und anderes mehr. Pamplona belegt den grausamen Unfug: Ein Bulle hat beim Stierrennen 2009 einen Mann getötet;  neun Menschen sind schwer verletzt worden, worunter ausländische Touristen (Bund, 11.7.2009, S.40).

Wohl sind viele Menschen nicht an solchen „Vergnügungen“ beteiligt, aber in der Regel schweigen sie. Wohl versuchen wachsende Zahlen von Tierschutz-Organisationen und Ethiker die Leiden zu mildern und intellektuell zu bewältigen, aber gerade die Ethiker haben eine verhängnisvolle Tendenz, sich in Spitzfindigkeiten zu verlieren. Man lese das Bändchen „Biologie und Ethik“ (Ph. Reclam jun., Stuttgart, 1999). Hier werden hinsichtlich der Frage, wem unsere moralische Rücksichtsnahme um seiner selbst willen gelten soll, und wer also in diesem Sinne Mittelpunkt der ethischen Betrachtungsweise zu sein hat, vier moderne Positionen genannt: der gemässigte Anthropozentrismus, dem an der Erhaltung der Natur und ihrer Ressourcen um der Existenzsicherung der Menschheit willen gelegen ist; zweitens, der Pathozentrismus, der nicht nur dem Menschen, sondern allen leidensfähigen Lebewesen einen Eigenwert zuspricht und damit die Schutzwürdigkeit von der Leidensfähigkeit abhängig macht; drittens der Biozentrismus, der allem Lebendigen, vom Einzeller bis zum Menschen einen Eigenwert verleiht; und schliesslich der Holismus, der dieses Prinzip auch auf die unbelebte Natur überträgt.

Der Pathozentrismus zum Beispiel muss in Verwirrung enden. Welche Spezies sind denn leidensfähig? Sind Fische und Amphibien oder gar Insekten leidensfähig? Sind wir absolut sicher, dass Pflanzen nicht leiden? Die Frage ist falsch gestellt. Im Gefüge der Natur ist jede Spezies aus bekannten oder unbekannten Gründen aufgrund genereller Verknüpfungen existenznotwendig. Ohne Regenwürmer, von denen wir annehmen, sie seien nicht leidensfähig, wäre Leben kaum möglich. In einem Gefüge, in dem alles mit allem verknüpft ist wie in einem Netz mit Knoten, wird die arrogante und willkürliche Unterscheidung von „Nützlingen“ und „Schädlingen“ unsinnig. Sowenig man aus einem Gebäude unbedacht Backsteine herausreissen darf, so wenig ist es vertretbar, in einem Lebensgefüge Arten zu vernichten.

Wasser? In unseren Organismen nimmt es am Leben teil, ausserhalb betrachten wir es als tote Materie. Ein Artikel von Prof. J.-C. Wolf im soeben genannten Bändchen bringt vieles auf den Punkt. Er sagt, das Verbot der Tierquälerei gehöre bereits in den Bereich unserer moralischen Platitüden; auch sei es eine moralische Platitüde, zu behaupten, das Leben eines Menschen sei mehr wert als das eines Tieres. Das begünstige weitere Vorurteile: erstens die Überzeugung, menschliche Interessen seien immer moralisch wichtiger als tierliche, und zweitens, die rasche und schmerzlose Tötung eines Tieres sei moralisch unbedenklich. Die erste Überzeugung mache das Verbot der unnötigen Tierqälerei zu einer Leerformel, denn was nötig oder unnötig sei, lasse sich einfach nach Massgabe menschlicher Interessen festlegen. Die zweite, besonders hartnäckige Überzeugung, öffne der Nutzung von Tieren zu menschlichen Nahrungszwecken Tür und Tor; die Deklassierung von Wesen zu Nutztieren habe Folgen für ihre Behandlung. Wolle man die von keinem moralischen Verbot der Tiertötung irritierten karnivoren Präferenzen von Menschen in Grossstädten, aber auch die massive Nachfrage nach Tierprodukten wie Milch, Eier, Pelzen, Galle und Leder befriedigen, so sei eine effiziente und profitable Massentierhaltung unvermeidlich. Diese sei immer mit tierquälerischer Begleitkriminalität verbunden. Berichte über skandalöse Tierhaltung und Tiertransporte seien unter diesen Bedingungen keine unglücklichen Zufälle, sondern voraussehbare Nebenwirkungen eines Verwertungssystems. So könne man sich eben auf unsere moralischen Platitüden nicht verlassen. Diese Auffassung wird schlagend bestätigt im Buch von J.S. Foer: Tiere essen (Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010). Im Grunde werde bei der Massentierhaltung jenes Programm auf die Spitze getrieben, das mit Descartes’ Idee vom Tier als Maschine seinen Anfang nahm.

Postulate sind leicht aufzustellen. Der Fleisch- und Fischkonsum muss beschränkt werden. Tierquälerische Massentierhaltung ohne Freilauf ist zu bestrafen, die überbordende Rinderzucht ist zu reduzieren, nicht zuletzt, um die Methan-Emissionen und die energiefressenden Ferntransporte über Meere und Kontinente zu vermindern und der Verschleuderung agrarischer Güter Einhalt zu gebieten. Gaststätten sollten fleischlose Tage einführen. Lokale Landwirtschaften mit naheliegenden Produkten sind zu schonen. Treibstoff-Herstellung aus Lebensmitteln (Weizen, Mais, Zuckerrohr) ist verboten. Tierquälereien jeder Art müssen drakonisch bestraft werden. Tierversuche sind so weit als möglich zu unterlassen, namentlich auch in der  Kosmetik–Industrie. Fallenstellerei, legaler und illegaler Fell- und Tierhandel sind zu ächten. Wilderei unterliegt schwersten  Strafen. Schutzgebiete zu Lande und im Wasser müssen umschrieben und kontrolliert werden. Tierschutz-Organisationen sind zu prüfen, zu zertifizieren, gegebenenfalls weltweit anzuerkennen und von Staaten finanziell zu unterstützen, so wie auch andere kulturelle Organisationen unterstützt werden. Die Tierschutz-Gesetzgebung sollte international vereinheitlicht werden. Völkerrecht und Menschenrecht bedürfen der Ergänzung durch Völker- und Menschenpflichten sowie durch Tierrechte. Ein Katalog der Verbrechen gegen den Planeten muss formuliert werden (Verkappen von Erdöl in den Meeren, Überfischung, Robben-, Delphin-, Walfisch- und andere Massen-Schlächtereien, „Finning“ von Haifischen, Ferntransporte von Tieren, Genozid  an Tierarten, illegaler Tier- und Elfenbeinhandel und Wilderei, Beschaffung von „Bush-Meat“, Tierquälerei zum Vergnügen und zur Volksbelustigung, Zerstörungen durch die Montan-Industrie und Verschmutzung von Flüssen, Abholzung und Brandstiftung in Wäldern).

Es unterliegt keinem Zweifel, dass alle diese Vorschläge auf heftigste Widerstände stossen würden; zu viele finanzielle Interessen stehen auf dem Spiel. Aber es gibt Tatbestände im menschlichen Tun, die unter keinem Titel, zu keiner Zeit, weder wirtschaftlich noch ethisch haltbar sind.  Sozialreformen wie auch die Abschaffung der Sklaverei konnten nur gegen fanatische Widerstände durchgesetzt werden. Die Abschaffung der Sklaverei ruinierte Wirtschaftszweige, Familien und blühende Kulturen und führte in den USA zu einem mörderischen Bürgerkrieg.

In der Schweiz, so stelle ich dankbar fest, tut sich einiges. Sie nimmt fleckweise Abschied vom cartesianischen Denkzeitalter und von den Exzessen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Schweiz schützt den Wald, fördert Blumenwiesen und Alpweiden, sorgt für gute Luft, gutes Wasser, sichere Nahrungsmittel, und renaturiert Gewässer, wenn auch nicht mit letzter Konsequenz. Agrotreibstoffe werden nicht steuererleichtert importiert. Wegen des Tiermehlverbotes zur Ergänzungsfütterung wird nun Soja  aus Brasilien importiert: 1993 ging es um weniger als um 50'000 Tonnen, heute aber um 250'000 Tonnen, 3/4 davon mit Label von nicht neu abgeholzten Regenwald-Flächen (NZZ,Nr.161, 15.7.2009,S.13). Die Eidg. Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) zeigte in einer Expertise 2008  Mut mit dem Titel „Die Würde der Kreatur bei Pflanzen – Die moralische Berücksichtigung von Pflanzen um ihrer selbst willen“ und nahm eine biozentrische Position ein. Würde wird hier verstanden als Integrität und Eigenwert der Kreatur. Tierversuche sind vor diesem Hintergrund kaum noch zu rechtfertigen (E. Taverna: Die Würde der Lebewesen. Schweiz. Ärztezeitung 2009; 90:5, S.192).

Ich frage mich allerdings, ob die globalen Probleme intellektuell lösbar sind. Zu viele divergierende Interessen machen sich geltend. Auch deswegen haben  weltweit wirkende Religionen versagt. Vielleicht ist es eher eine Frage des Gefühls, des Instinktes, der schlichten Barmherzigkeit, gepaart mit gesundem Menschenverstand. Heute neige ich einem gemässigten Holismus zu und folge Albert Schweitzer’s (1875-1965) „Ehrfurcht vor den Tieren“ (E. Grässer, Hsgb., Beck’sche Reihe, C. H. Beck, München, 2006). Seine Auffassung erscheint mir klug, zweckmässig, plausibel und liebevoll. Der Ethik der Ehrfurcht vor allem Leben sind zwar durch naturgesetzliche Zwänge Grenzen gesetzt. Oft muss Leben vernichtet werden, um Leben zu erhalten („Selbstentzweiung des Willens zum Leben“). Was aber getan werden kann, ist gemäss dem Prinzip der Verantwortung, Leben wenn immer möglich zu schonen, zu schützen und zu erhalten, nicht zu quälen und nie gedankenlos zu töten.

Ein Staatswesen, das aus Profitgründen Verbrechen gegen den Planeten duldet, ist kein sittlicher und kein vernünftiger Staat. Der Buddhismus hat tiefer gedacht als das Christentum; im Rahmen der Wiedergeburten (Samsara) sind alle Übergange in der Schöpfung möglich. Folgt man nochmals den Ausführungen Schweitzer’s, so war für chinesisches Denken die Wesensverwandtschaft von Mensch und Geschöpf selbstverständlich. Es gibt keinen Dualismus. Alle Geschöpfe sind sterblich und unsterblich zugleich; sterblich sind sie als individuelle Erscheinung, unsterblich, weil das in ihnen glühende Leben nicht vernichtet wird, sondern in neuen Wesen neue Gestalt annimmt. „Geburt und Tod, Leben und Sterben bilden ein Ganzes“.

Er zitiert: <Der sterbende Meister Lai sagte: „Wenn ich, nachdem ich einmal Menschengestalt erhalten habe, nun sprechen wollte: Wieder ein Mensch will ich werden! so würde mich der Schöpfer als untauglichen Menschen betrachten. Nun ist die Natur der grosse Schmelzofen, der Schöpfer ist der grosse Giesser. Wohin er mich schickt, soll es mir recht sein.“>  <Wie wenig ist es doch, das den Menschen von den Tieren unterscheidet. Die Masse geht darüber hinweg; der Edle hält es fest.> Der Himmel hat die Tiere nicht zum Gebrauch für den Menschen erschaffen: <Schnaken und Mücken beissen uns in die Haut, Wölfe und Tiger fressen unser Fleisch; aber darum hat doch nicht ursprünglich  der Himmel den Menschen und sein Fleisch für Schnaken und Mücken, für Wölfe und Tiger wachsen lassen.> Diese Auffassung chinesischer Denker ist bewunderungswürdig; sie ist Ergebnis einer scharfen Beobachtung der Natur. Leider hat sie in der Mentalität der Mehrheit des chinesischen Volkes wenig bewirkt.

 

b. Leitbild für eine tragfähige Politik

Die internationale Staatenwelt erweist sich als chaotisch. Nebeneinander suchen weltweite Organisationen wie die UNO, supranationale Organisationen wie die OECD, die NATO, die EU oder die G-20 neben den weiterhin bestehenden National- oder Territorialstaaten mit beschränkten Kompetenzen inmitten der Globalisierung ihren Einfluss zu verstärken. Kapital, Produktion, Nahrungsmittel und andere Ressourcen, Wissen, Verschuldung und Bereicherung, Kriminalität und Terror, kurz, globale Ungleichgewichte fliessen global. Ich bin Anhänger des Territorialstaates aus der Erfahrung, dass Menschen im kleinräumigen Bereich orientiert sein wollen und bezüglich Wahlen und Abstimmungen, Finanzen und Wirtschaft, Schulen und Justiz Mitsprache verlangen. Andererseits gibt es in der globalisierten Welt die erwähnten globalen Probleme, die nur auf höchster, globaler Stufe gelöst werden könnten. Im Bereich von Natur-, Kultur- und Tierschutz setze ich meine Hoffnungen auf global wirkende Nicht-Regierungsorganisationen (NGO’s) wie den WWF oder Ocean Care. Solange keine entsprechende höchste Behörde mit Rechtsetzungs- und Strafkompetenz existiert, können solche „Miliz-Verbände“ beträchtlichen Druck auf Gesellschaft und Politik der Territorialstaaten ausüben. Dadurch wird sich die Politik der oben geschilderten, bereits vorhandenen und kommenden Probleme endlich bewusst. Auf allen Stufen müssen schädliche Praktiken zu Lande, im Wasser und in der Luft unterbunden werden, selbst wenn diese „rentabel“ und steuerträchtig sein sollten, im Wissen darum, dass vieles, das für wenige profitabel ist, für die Allgemeinheit verheerend sein kann (Bhopal, Seveso, Golf von Mexiko etc.). Abenteuerliche Projekte dürfen nur nach sorgfältigster Abklärungen verfolgt werden. Der „gesunde Menschenverstand“ legt nahe, dass zum Beispiel die zahlreichen Tiefsee-Bohrungen (unterhalb von 100 – 200 m Wassertiefe) auch bei gewissenhaftester Planung, Ausführung und Wartung aufgrund der mannigfachen Unwägbarkeiten immer wieder Katastrophen wie im Golf von Mexiko 2010 zur Folge haben werden.
Dabei geht es nicht um die Überwindung des Kapitalismus; das ist Unsinn. Die kapitalistische freie Marktwirtschaft ergibt das beste Wirtschaftssystem, aber nur, wenn sie eingebettet ist in nicht-materielle Werte wie Anstand, Sorgfalt, Qualität und Augenmass.

Auf staatlicher Stufe wird es weniger um parteilichen Machterhalt, vielmehr um die Suche nach und um die Wahl herausragender Köpfe gehen, die im Sinne der Kardinaltugenden langfristige und strategische Politik gestalten. Im Bereich nicht-materieller Güter sollte langfristiges Denken und Handeln durchaus möglich sein. Mit Priorität sind wahrheitsgemässe, umfassende Information, Ausbildung, Bildung und Erziehung des Volkes in ethischen Belangen anzustreben. Verantwortung geht so weit als möglich zurück zu Individuum und Familie. Alle Fähigkeiten in Handarbeit, Handwerk, Gewerbe, Landwirtschaft und Haushalt werden aufgewertet, so dass Sparsamkeit, Qualität, Anstand, Fliess und Bescheidenheit wieder honoriert werden. Auf internationaler Ebene sollten sich, auf nationaler Ebene müssen sich die führenden Politiker in Landschafts-, Natur-, Tier- und Kulturschutz auf verbindliche Ziele und entsprechendes Strafrecht einigen, und sie sollten Gesetze erlassen, wonach Gewaltspiele und die Darstellung von Gewalt und Obszönität in allen Medien umfassend verboten sind. Kriminelle Handlungen werden unverzüglich und streng bestraft. Importe müssen die Bedingungen der nationalen Gesetzgebung im Bereich der oben genannten geschützten Güter erfüllen. Gespart wird auf allen Stufen und in allen Bereichen. Die staatlichen Schulden werden durch Abbau der Verwaltungen und Sparsamkeit allmählich abgetragen. Hektik, Konsum- und Neuerungssucht werden gebremst. Das strategische Problem der Bevölkerungsdichte wird untersucht und die Obergrenze definiert. Soziale Verpflichtungen des Staates kommen nur denjenigen zugute, die objektiv und unverschuldet bedürftig sind. Arbeit soll sich lohnen, nach dem Prinzip: keine Form der Arbeit unter anständigen Bedingungen ist eine Schande. Im Gesundheitswesen wird der Katalog der kassenpflichtigen Leistungen sinnvoll gekürzt. Eine Reihe dieser Postulate kann nur Gegenstand staatlicher, nicht suprastaatlicher Politik sein. Zur Politik darf das Buch von Alt-Ständerat Franz Muheim: Die Schweiz im 21. Jahrhundert. Risiken des zivilisatorischen Fortschritts. Fehlentwicklungen in der Politik, Fragwürdigkeiten im Geistig-Kulturellen (Th. Gut Verlag, 8712 Stäfa, 2007) empfohlen werden.

 

c. Prägung der Ökonomie durch das Nachhaltigkeitsprinzip

Auf Wachstum um jeden Preis ist zu verzichten, selbst wenn dadurch der Stellenwert der Ökonomie zugunsten anderer Lebens-Qualitäten und der materielle Wohlstand etwas abnehmen. Freiheit mit absehbaren Schadenfolgen muss begrenzt werden.  Zwar hat jedes Wirtschaftssystem, das nicht auf kleinräumiger Selbstsorge beruht, einen inhärenten Wachstumszwang, aber das Wachstum ist massvoll und nachhaltig zu handhaben. Nachhaltig heisst, dass nur im Rahmen dessen, was gleichsam nachwächst, produziert wird.

Natürliche Ausgangsstoffe sollten so weit als möglich nicht in Produkte verwandelt werden, die nicht biologisch abbaubar sind. Produkte der Montanindustrie, Holz und Erdöl, sind ab Ursprungsort zu zertifizieren. Sorgfältiges Recycling ist von grösster Bedeutung, um seltene, toxische und nützliche Elemente (Titan, Vanadium, Chrom, Mangan, Phosphor und andere) wieder verwerten zu können; sie gehören nicht angereichert in die Böden oder als Abfälle ins Wasser. Das wilde Deponieren muss bestraft werden, der Müll ist zu reduzieren, und Industrie-Produkte müssen auf Qualität und Langlebigkeit ausgerichtet sein. Produktion von Schrott, das heisst von Dingen, die bald wieder weggeworfen werden, ist zu vermeiden. Die chemische Industrie untersucht ihre Substanzen so weit als möglich auf Giftigkeit und lässt sich Verfahren ohne Tierversuche einfallen. Die ungeheuren Kosten, die bei nachträglicher Entsorgung anfallen, zeigen sich bei der Sondermüll-Deponie in Kölliken. Die  Automobil-Industrie fabriziert sparsame Fahrzeuge, und die Bauindustrie schont Landschaften und spart Energie. Bio-Ethanol darf nicht aus Lebensmitteln hergestellt werden. Der beinahe epileptische Bewegungsdrang kommt zu einem Ende; stumpfsinnige Massenvergnügen wie Automobil-Rennen oder Strassen-Paraden werden nicht mehr bewilligt. Gewisse Wintersport-Arten werden verboten. Handarbeit ist aufzuwerten; Arbeitslose können zu Arbeiten in Wald und Feld, auf Strassen und Plätzen, im Sommer und im Winter, verpflichtet werden, und viele, schwere Maschinen werden eingemottet. Keine Form der Arbeit ist eine Schande. Nicht jede Form der Globalisierung ist sinnvoll. Landwirtschaft ist soweit als möglich lokal zu betreiben. Grüne Energie (Erdwärme, Sonnenenergie) soll verwendet werden, aber auch die Atomenergie erhält ihren gebührenden Platz.

Das dumme Lied von der Hausfrau als „Heimchen am Herd“, die nichts produziere, muss verklingen. Hausfrauen-Arbeit ist wertvoller als Arbeit vor einem Bildschirm; sie schafft materielle und immaterielle Werte, ist sichtbares Beispiel, und bereitet den Kindern Heim und Sinn. Ich höre deutlich die entsetzten Aufschreie: ein mittelalterliches, diktatorisches Programm, das Demokratie, Freihandel und soziale Marktwirtschaft, das alle Fortschritte, Wohlstand, Befreiung der Frau und Bequemlichkeiten zerstört! Spätere Generationen würden es uns danken.

Ich setze deshalb fort mit mittelalterlichen Programmen und muss hier wiederum den Sci. American (300/5, May 2009, 38-45) zitieren, in dem L.R. Brown unter dem Titel „Could Food Shortages Bring down Civilisation?“ sämtliche Probleme, die in diesem Brief aufgeführt werden, panisch Revue passieren lässt, und nicht zuletzt von sog. „Failed States“ ausgeht, in denen Regierungen wegen Krankheiten, Terror, Drogen, Waffenhandel, Kriminalität, Flüchtlingen, Wassermangel und Erosion buchstäblich kollabieren. Er betont, dass eine Zunahme von 70 Millionen Menschen pro Jahr die Sachlage nur verschlimmern kann und die Preise in die Höhe treibt; die epische Konkurrenz zwischen Auto und Mensch müsse beendet werden, und es gebe nur eine Lösung: Weg vom Business as usual! Er entwirft ein Programm („Plan B“):  Reduktion der CO2-Emission um 80% bis 2020, Senkung der Einkommenssteuern und Ersatz durch eine CO2-Steuer; Begrenzung der Bevölkerung auf 8 Milliarden bis 2040; Bewältigung der Armut; Primarschule für alle und Gesundheitsdienste in den Dörfern; Regeneration von Wäldern, Böden, und Gewässern jeder Art, Bewässerung verbessern, Wasser wieder verwenden, auf das Pflügen verzichten, um Pflanzenrückstände in den Böden zu belassen. Ein solches Programm würde weniger als 200 Milliarden $ pro Jahr kosten, also nur etwa 1/6 der globalen, jährlichen Militärausgaben.

Bereits im Juni 2009 (Sci. American 300/6, S. 42–47) erscheint ein weiterer Weckruf zur Landwirtschaft („Phosphorus: A looming Crisis“), in dem die kommende Erschöpfung von Phosphor (für Dünger) prognostiziert wird. Phosphor fliesst ab über Flüsse ins Meer und provoziert dort Algenwachstum, Fischsterben und tote Meereszonen, heute total in den Weltmeeren 245'000 km2. Man verwende weniger Dünger, begrenze die Erosion und sorge für Blütenpflanzen während der Sommer, nicht zuletzt zugunsten der Bienen. Ins gleiche Horn stösst der Sci. American 299/1, Juli 2008, S. 51-57 („No Till: The Quiet Revolution“): Pflügen führt zur Erosion, weil der Boden abgedeckt wird, und der Verlust sei viel grösser (mehrere Inches pro Jahrhundert) als die Regeneration von Erde (1 Inch pro 300 – 900 Jahre). 

 

d. Wertorientierung in Schulen, Medien und Erziehung

Medien verzichten auf die Darstellung primitiver Gewalt in Sprache, Ton, Schrift und Bild; sie nehmen vielmehr eine erzieherische Funktion im Sinne von Natur- und Tierschutz und Barmherzigkeit wahr. Sie orientieren über die Folgen von Drogensucht, Spielsucht, Trunksucht, Geldsucht, Fresssucht, Sexsucht und Gewalt und fördern Fleiss, Qualität, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Disziplin und Anstand. Mode und Medien werden „entsexualisiert“, ohne ins Gegenteil der Verteufelung zu verfallen. Alle entsprechenden Delikte sind streng zu bestrafen. Die Rolle der Mutter und der Familie ist mit zweckmässigen Mitteln aufzuwerten. Familie, Schule und Polizei kooperieren. „Politische Korrektheit“, insbesondere im Bereich von Sprache und Schrift, ist kein hoher Wert, solange Anstand herrscht. Persönlichkeitsschutz , der die Information innerhalb der Behörden behindert, wird zum Unding.

 

e. Schlichtheit und Toleranz in der Religion

Wir sollten, soweit möglich, Wissen und Glauben auseinanderhalten. An sich ist die Frage nach Gott eine unsinnige Frage. Wir wissen nichts von Gott. Er kann sein, er kann nicht sein. Er kann personal oder Energie sein, er kann Alaya-Bewusstsein, die schöpferische Kraft, das Ordnungsprinzip, die Weltseele, der Weltgeist, der Elan vital sein, er kann alles sein, was im Universum (den Universen?) war, ist und wird.

Aber wie auch immer, Gott ist nicht anthropomorph: er ist nicht der gütige, allmächtige und allwissende Gott der Christen, sonst wäre die Welt anders beschaffen; ein solcher Gott ist eine Projektion menschlicher Idealvorstellungen. Damit wird auch der an sich verständliche Schrei der Theodizee angesichts der Leiden in dieser Welt unsinnig. Sollten wir aber in der besten aller möglichen Welten leben (Leibniz*, 1646-1716), in der Leben, Denken und Fühlen möglich sind, so wäre Gott nicht allmächtig, sondern gebunden an Voraussetzungen, die unter vielen Möglichkeiten das Bestmögliche ermöglichten.

Spekulieren könnten wir über ein übergeordnetes Ordnungsprinzip. Als Darwinist scheint mir denkbar, dass die Vielfalt des Lebens aus einer Selbst-Organisationsfähigkeit der Materie hervorgegangen ist (was kein Beweis für die Nicht-Existenz Gottes wäre). Wie auch immer, die heute sichtbare Schöpfung beruht auf einer Interaktion zwischen stochastischen Erbgutveränderungen und variablen Umweltverhältnissen. Diese Veränderungen haben Folgen, die mit dem Leben kompatibel sein können – oder auch nicht. Alle diese Zufälligkeiten (?) erscheinen uns als das, was wir als chaotisch bezeichnen.

Was entspricht gemäss Kausalität der ersten irreduziblen Ursache? Entsteht Ordnung aus dem Chaos oder Chaos aus der Ordnung gemäss Thermodynamik? Ist es der Hebel oder das Hebelgesetz? Mit anderen Worten: Müssen nicht die Voraussetzungen und Möglichkeiten a priori vorhanden sein, damit der Hebel gefunden oder erfunden werden kann? Sind nicht alle diese scheinbar chaotischen Möglichkeiten und Potenzen schon beim Urknall mit den fein abgestimmten Gleichgewichten zwischen Materie und Energie entstanden (geschaffen worden)? Gibt es also oberhalb des Chaos ein übergeordnetes Regelwerk, ein Ordnungsprinzip? Wir täten allerdings gut daran, über Dinge, über die man nicht reden kann, zu schweigen. Wohl aber dürfen wir an die Möglichkeit Gottes glauben. Vielleicht gibt es „Gott“ oder die „Götter“, welcher Natur auch immer, hinter den anthropomorphen Vorstellungen, weil die Feuerbach’sche* (1804-1872) Erkenntnis, dass wir Gott nach unserem Bilde geschaffen haben, wiederum kein Beweis für die Nicht-Existenz Gottes ist.         

Für das praktische Leben müssen wir uns aber Gedanken machen  über die Tatsache, dass Glaube an Gott und Götter in allen Völkern und zu allen Zeiten vorhanden war und ist. Selbst der Buddhismus, dessen frühe Formen im kleinen und im grossen Fahrzeug sich über Gott und Seele völlig ausschweigen, wurde später mit einem vielfältigen Pantheon ausgekleidet. Offensichtlich beruht der Glaube an Transzendentes auf einem eingeborenen Bedürfnis des Menschen. Selbst wenn es Gott oder die Götter realiter nicht gäbe, und die irdische Schöpfung aufgrund von physikochemischen Gesetzmässigkeiten – die wir (noch) nicht kennen – zustande gekommen wäre, muss der Glaube in der Menschheitsgeschichte notwendig und nützlich gewesen sein; wäre er nachteilig gewesen, hätte er sich wieder verloren.

Was sich für Gesellschaften als nützlich erweist, muss nicht zwingend wahr sein. Notwendig: Der Glaube hat Antwort gegeben auf die bohrenden Fragen nach dem Woher, Wohin, Wozu? Er hat, mit allen Nachteilen, Identität und Gemeinschaft geschaffen. Er hat dem Leben Sinn, Trost und Hoffnung, transzendente Erwartung und Erklärung für das Ganze und all die wunderbaren Wandlungen vermittelt, und Verantwortung und Demut auferlegt, weil wir nicht oberste Instanz sind. Vielleicht hat uns das Christentum die Freiheit geschenkt, „Nein“ zu sagen. Insofern sind Glaube und schlichte Frömmigkeit Geschenk und Gnade. Ferner, und das ist nicht gering zu schätzen, haben Religionen immer auch einen innerweltlichen Verhaltenskodex festgelegt, wie die 10 Gebote im Christentum oder die Befreiung von den Begierden im Buddhismus.

Schlichte Frömmigkeit braucht nicht mehr als das Wissen von der Ganzheit und von der Verwandtschaft allen Lebens; als die schöpferischen Kräfte im Universum zu empfinden; als die Wunder der Natur zu sehen; als Achtung vor allem Leben und Dankbarkeit für das tägliche Brot zu entwickeln; als das Wissen, dass wir nicht oberste Instanz sind; wie auch die Erkenntnis und die Kraft, das sinnvoll zu ändern, was geändert werden muss, und das hinzunehmen, was unabänderlich ist. Dazu gehört, dem Dekalog und einem weltlichen Sittenkodex zu folgen, dankbar, ehrfürchtig, demütig, schuld- und verantwortungsbewusst auch gegenüber Pflanzen und Tieren zu werden. Die Kant’schen Fragen müssen umgestaltet werden in „Was dürfen wir wissen, was dürfen wir tun, was dürfen wir hoffen?“  Diese schlichte Frömmigkeit ist ein unabdingbarer Wert in einer neuen Zeit und muss dringend begründet, gefördert und erhalten werden. Eine wunderbare Aufgabe nicht nur für Pfärrer, auch für Naturwissenschafter. Diese schlichte Frömmigkeit könnte weltweit verständlich sein.    

Hingegen brauchen wir keinen Glauben an Wunder, die jeder Erfahrung widersprechen und die, wenn sie wörtlich genommen werden, nur Unruhe, Zweifel und Zwist gebären. In einer säkularen, gar oft atheistischen Zeit, führt solcher Wunderglaube weg von echter Frömmigkeit und Religiosität. Der Mensch ist durch den Kreuzestod keineswegs erlöst worden; er ist disharmonisch wie eh und je und ist zu Gutem wie auch zu Bösem fähig. Wohl aber glaubt er gerne an seine Weisswäsche durch einen Sündenbock.

Der personale Gott ist unbeweisbar, womit sich auch die Häresie der menschengeschaffenen Gottebenbildlichkeit erübrigt. Geradezu lächerlich sind die arroganten Diskussionen über das Geschlecht Gottes. Himmelfahrten Christi und Mariä und unbefleckte Empfängnis dürfen durchaus als schöne Symbole für mögliche Erlösung und reine Mutterliebe angenommen werden – aber nur als Symbole. Ich halte meinen Geist und meine Seele für strukturgebunden, erlöschend nach meinem Tod. Ich darf darauf hinweisen, dass solche Auffassungen bereits im europäischen Mittelalter diskutiert wurden. Ich glaube, dass sich Seele und Geist immer wieder manifestieren, wenn komplexe Strukturen auftreten, sei es im Menschen oder im Tier.

Ich laufe nicht Sturm gegen die christliche Religion und bin skeptischer Angehöriger des christlichen Abendlandes, das eine grossartige Kultur in Malerei, Musik, Architektur, Literatur und Philosophie geschaffen hat. Ich muss mich aber gegen das wenden, was schlichter, toleranter Frömmigkeit im Wege steht sowie gegen Behauptungen, die keinem echten Wissen entspringen.