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Anhang C

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Verarmung unseres Planeten durch Übernutzung und Ausrottung

Im düsteren Kapitel „Auf Wiedersehen“ in seinem geistreichen Werk „Eine kurze Geschichte von fast allem“ (Op. cit.) fasst Bill Bryson zusammen und beginnt mit dem Ende des Dodo um 1680, eines flugunfähigen Vogels auf Mauritius, der binnen 70 Jahren ausgerottet worden ist. Zu jener Zeit sind Newton’s Principia erschienen. Bryson schreibt: „Nach meiner Überzeugung müsste man lange suchen, um zwei Vorfälle zu finden, an denen die göttlich-teuflische Doppelnatur des Menschen besser deutlich wird – einer Spezies, die einerseits die tiefsten Geheimnisse des Universums aufklären kann und anderseits ohne jeden Sinn und Verstand ein Lebewesen ausrottet, das uns nie den geringsten Schaden zugefügt hat.... In jener Phase unserer Geschichte hatten wir bereits jahrtausendelange Übung mit der endgültigen Ausrottung von Tieren. ... Wohin wir in den letzten rund 50'000 Jahren auch kamen, verschwanden dort Tiere, und das oftmals in erstaunlich grosser Zahl. ... Insgesamt gingen in Nord- und Südamerika etwa drei Viertel der Grosstiere verloren. ... In Europa und Asien verschwanden zwischen 30 und 50% der grossen Tiere. In Australien waren es nicht weniger als 95%. ... Wir leben auf einem stark verarmten Planeten. Heute haben auf der ganzen Welt nur vier Gruppen wirklich grosser Landtiere mit einer Tonne Gewicht oder mehr überlebt: Elefanten, Nashörner, Flusspferde und Giraffen. ... Damit stellt sich die Frage, ob das Verschwinden von Tieren in der Steinzeit und in jüngeren Zeiten zu einem einzigen grossen Aussterbe-Ereignis gehört – ob Menschen für andere Lebewesen grundsätzlich etwas schlechtes sind. ... Die Durchschnitts-Geschwindigkeit des Aussterbens auf der Erde während der ganzen Geschichte des Lebendigen lag bei ungefähr einer Spezies in vier Jahren. Nach Berechnungen aus jüngster Zeit dürfte das vom Menschen verursachte Aussterben bis zum 120’000-fachen dieses Umfanges reichen.“

Bryson fährt fort mit Ausrottungen der jüngsten Zeit, deren Ursache und Datum genau bekannt sind. Die Steller-Seekuh wurde überjagt (um 1770); der Carolina-Papagei (1918) und die amerikanische Wandertaube (1914) (Anfangs des 19. Jahrh. um 3 Milliarden) wurden als „Schädlinge“ ausgerottet; der Koa-Fink auf Hawaii erlag der Sammelwut(1896); das letzte Exemplar des Gelbstirn-Waldsängers im Süden der USA wurde 1939 erschossen. Weitere Ausrottungen von Vogel-Spezies erwähnt Dr. Pfister in seiner Broschüre „Vogel und Mensch“ (Schweiz. Vogelwarte Sempach, 1984). Der tasmanische Beutelwolf(1936) und der nordamerikanische Silberlöwe (knapp überlebend) gingen durch Prämienjagd zugrunde, der amerikanische Büffel wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch Mordlust, Lederhandel und Taktik während der Indianerkriege praktisch vernichtet.

 

Anfangs des 18. Jahrhunderts lebten schätzungsweise wenigstens 60 Millionen Büffel im Zentralteil der USA. Die wirkliche Bedrohung und Vernichtung begann 1870, als die amerikanische Lederindustrie verbesserte Verfahren der Lederherstellung entwickelt hatte. Um 1880 gab es keine Büffel mehr. Die Kadaver verfaulten auf der Prärie. Zwischen 1868 und 1881 wurden gemäss Aufzeichnungen allein im Staate Kansas Knochen von 31 Millionen Büffeln als Dünger verkauft (T.R. Fehrenbach : Comanchen. Fackelträger, Hannover 1975, Seiten 448 ff.). Flannery und Schouten (A Gap in Nature. Discovering the World’s Extinct Animals. Text Publishing, Melbourne, 2001) versuchen die Verluste der vergangenen 300 Jahre zu dokumentieren.

Wilson (Der Wert der Vielfalt) schätzt die Gesamtzahl der biologischen Arten auf etwa 1.4 Millionen. Leakey und Lewin (Die sechste Auslöschung. Fischer, Frankfurt, 1996) berechnen die natürliche Aussterberate auf eine Art pro 4 Jahre; diese Zahl sei zur Zeit auf das 120’000 fache (?) angestiegen. Ähnliche Zahlen gibt Easterbrook (Die sinkende Arche, 1979; 600 Arten pro Woche) an.

Heute hat sich einiges gebessert, da Organisationen wie Greenpeace, der World-Wildlife-Fund, Franz Weber oder Ocean Care aktiv geworden sind und Schutzgebiete abgesteckt werden. Selbst die UNO oder die EU mahnen. Zum Beispiel formuliert die UNO-Umweltorganisation UNEP ein Plädoyer für Investitionen in die Natur (NZZ Nr. 44, 22.2.2011, S.21). In 10 Schlüsselgebieten könnte eine ökologisch orientierte Marktwirtschaft erzielt und zugleich die Armut bekämpft werden. Diese Sektoren sind Landwirtschaft, Gebäude, Energie, Fischerei, Wald, verarbeitende Industrie, Tourismus, Transport, Wasserversorgung und Abfallwirtschaft. Die jährlichen Investitionen bis zum Jahr 2050 betrügen 2 % des weltweiten Bruttoinlandprodukts, geschätzt auf rund 1.3 Billionen Dollars. Trotzdem geht die Schlächterei weiter. Das zeigt das Gezerre um den Wal- und Delphinfang (2006), obschon jährlich nach Schätzung von Experten etwa 300'000 dieser Tiere als Beifang sinnlos ertrinken. Allein 23’ 000 Delphine gehen vor Japan’s Küsten zugrunde. Das zeigt die unfassliche Schlächterei von Robben-Babies in Kanada mit der blöden Begründung, Robben reduzierten die Fischbestände. 2009 gab die kanadische Regierung 280’000 Robben „zur Tötung frei“, 5000 mehr als im Jahr zuvor. Der kanadische Senator Mac Harb hat versucht, einen Gesetzesentwurf gegen die Robbenjagd in seine Kammer in Ottawa einzubringen. Er fand keinen einzigen Verbündeten unter den 105 Senatoren (NZZ Nr.69,24.3.2009, S. 11). An Haien fallen rund 100 Millionen jährlich dem Beifang oder der Verstümmelung durch Finning zum Opfer. Die Haie sind ein grandioser Wurf der Schöpfung; sie haben bislang rund 400 Millionen Jahre überlebt.

Nicht weniger gefährdet sind zahlreiche Amphibien (z.B. NZZ, Nr. 57, 10.3.2009,S.13). In vielen europäischen Ländern stehen Amphibienarten unter Schutz; sie gelten als stark gefährdet. Trotzdem werden unvorstellbare Mengen von Fröschen aus der dritten Welt importiert. Gemäss eidg. Zollverwaltung wurden im Jahre 2006 152 Tonnen Froschschenkel in die Schweiz eingeführt. Das entspricht 1.1 Millionen Fröschen. Die Tonnen von Fröschen, die lebend ins Land geschafft werden, sind nicht dabei. Gemäss Handelsdaten der Vereinten Nationen werden bis zu einer Milliarde Frösche jedes Jahr in der freien Wildbahn für den menschlichen Verzehr gefangen. Frankreich konsumiert 5000 Tonnen Froschschenkel pro Jahr (In: Pro Tier 1/2009 der Schweiz.Gesellschaft für Tierschutz).

Im Jahre 2007 wurden in der Schweiz 465’000 Tonnen Fleisch verzehrt; dazu 56’000 Tonnen Fische und Meerestiere aus den Kühltanks der Fabrikschiffe und Fangflotten. Jeder Schweizer Einwohner verbraucht täglich 4600 Liter Wasser; allein für die Herstellung eines kg Rindfleisch sind 15’000 Liter Wasser notwendig. Um den Proteinbedarf der überlasteten Schweine und Rinder in den Tierfabriken zu decken, wird Soja aus Brasilien importiert. Mais und Zuckerrohr wird vergeudet als Benzin-Ersatz (E.Taverna: „Erst kommt das Fressen...“, Schweiz.Ärztezeitung 2009;90:6,S.224).Die Schweiz hat im Jahre 2008 40-80 Millionen Eier aus Legebatterien eingeführt (NZZ, 9.4.2009). Reptilien und Vögel (Glasbauten, Lichtverschmutzung, Jagd, Veränderungen der Landwirtschaft, Müll und Ölkatastrophen, „neue“ Infektionskrankheiten) sind im In- und Ausland schwer gefährdet.

Pro Jahr verschwinden in der Schweiz 25 km2 Landwirtschaftsflächen und 15 km2 Alpwirtschaftsflächen, zusammen 40 km2 Kulturland; das entspricht der Fläche des Bielersees. Seit 1965 ist die Siedlungsfläche mehr als doppelt so schnell gewachsen wie die Bevölkerung (Flächenbedarf pro Person!). Pro Jahr werden 12'000 Einfamilienhäuser und 36'800 Wohnungen gebaut; 85 % der 420'000 Zweitwohnungen (11.8 % aller Wohnungen) sind Ferienwohnungen. Zwei Drittel bleiben während 44–48 Wochen pro Jahr ungenutzt (Pro Natura, 2009).  Die  Landwirtschaftsflächen fallen also grossteils dem Siedlungsfrass zum Opfer und liegen unter Strassen, Siedlungen und Gewerbezonen. Die blumenreichen Trocken- oder Magerwiesen, Lebensraum zahlreicher Tiere von Vögeln und Reptilien bis zu Bienen, sind innerhalb von 60 Jahren zu 90% zerstört worden (Pro Natura Magazin, Juli 2009). Die Tatbestände sind auch in Buchform dokumentiert (K.C. Ewald & G. Klaus, Hrsg.: Die ausgewechselte Landschaft. Vom Umgang der Schweiz mit ihrer wichtigsten natürlichen Ressource. Haupt-Verlag, Bern, 2009). Im Sci. American 300/4, April 2009, S. 24–31 werden die Gründe für das weltweite Bienensterben untersucht und wird auf die Bedeutung der Bienen hinsichtlich der Befruchtung von über 100 Pflanzenarten hingewiesen. Das oft dramatische Sterben könnte auf drei Ursachen zurückgeführt werden: auf Umweltgifte, auf Milben, auf (importierte) Viren und auf reduzierte Resistenz mangels zureichender Ernährung (Fehlen von Pflanzen- bzw. Blumenarten). Dass auch die Schweiz schwer betroffen ist, belegt ein Artikel der NZZ vom 18. Mai 2010, S.13: „Vom Sterben fleissiger Helferinnen“, wonach fast 50'000 Bienenvölker den Winter 2009/10 nicht überlebt haben. Mitschuldig ist die durch die globalen Handelsströme aus Asien eingeschleppte Varroamilbe, die auch die Wildbienen-Population praktisch ausgelöscht hat.

Im Ausland sind Säugetiere wie Tiger und Elefanten (Wilderei), Orang-Utans (Waldbrände), Gorillas, Schimpansen („Bush-meat“), Nashörner (NZZ,  Nr.57, 10. 3. 2009, S.13), Walfische (Jagd) und Delphine (Massaker in Japan und bei den Färöer-Inseln), aber auch Fischspezies wie Kabeljau (Dorsch), Schwertfisch oder Thunfisch, deren Bestände zum Teil durch Überfischung zusammengebrochen sind, nicht weniger gefährdet. Der Bund (26.8.2010, S.2) thematisiert die Nashorn-Wilderei: „Ein Horn bringt eine Million Dollar … Je weniger der vom Aussterben bedrohten Tiere überleben, desto höher die Preise“. Die Wilderer leisten sich Helikopter, um den chinesischen Potenz-Markt zu bedienen.

Der Sci.American 301/1, Juli 2009, S.56-63 („The Ivory Trail“) analysiert das illegale Abschlachten der afrikanischen Elefanten im Rahmen der internationalen Kriminalität. Die Schätzungen beruhen auf dem Abfangen von Stosszähnen en route von Afrika durch verschiedene Behörden und ergeben rund 38'000 getötete Elefanten pro Jahr, mehr als 8% der Population bei einer Reproduktionsrate von etwa 6%. Im Jahre 2006 wurden 25-29 Tonnen Elfenbein erfasst; das sind vermutlich nicht mehr als 10% des illegalen Handels, so dass rund 250 Tonnen geschmuggelt worden sind (38'000 Tiere). Die Preise stiegen von $ 200.-/kg (2004) auf $ 850.-/kg (2007). Die Gemeinheit der Wilderer übertrifft sich selbst; um die trauernden Mütter anzulocken, werden zuerst die Kleinen erschossen. Mit dem Tod von Leitkühen zerfällt die hoch differenzierte soziale Ordnung.

Der gleiche Artikel beschreibt den bedrohlichen, globalisierten Schmuggel von Wildtieren im Umfang von mehreren 10 Milliarden $; über das Internet würden mehr als 100 Millionen Individuen rarer Arten pro Jahr gekauft und verkauft. Konfisziert wurden 55'000 Reptilhäute in Indien, 19'000 Haifischflossen in Ecuador, Shawls von mehr als 12'000 Antilopen, und 2000 Stern-Schildkröten in Indien. K. Cook beschreibt die gnadenlosen und sinnlosen Massaker an Känguruh’s im australischen Hinterland (Wake in Fright, Penguin Book 2405, Victoria, Australien, 1967). Um der Langeweile zu entgehen, wird tagsüber gesoffen, und Nachts mit Scheinwerfer, Messer und Schusswaffen getötet. Der morgentliche Kater und das  schlechte Gewissen werden wiederum im Alkohol ertränkt. 

Immer drängender werden die Artikel im Sci. American betreffend Ökologie und Nachhaltigkeit. In Nummer 298/3, März 2008, S. 58-65 („The Bluefin in Peril“) geht es um den Thunfisch, dem auch illegal, gegen alle Regeln (Quoten, Grenzen) nachgestellt wird, vor allem  seit japanische Leckereien wie Sushi  und Sashimi weltweit in Mode gekommen sind. Die Fänge ergaben 1965 im West-Atlantik 20'000 Tonnen (2009: 0 Tonnen); in der Antarktik 1965 80'000 Tonnen (2000: 20'000 Tonnen); im Ostatlantik 1965 20'000 Tonnen (1995: 50'000 Tonnen); im Pazifik 1965 30’000 Tonnen (2000: 30'000 Tonnen). Die illegalen Fänge werden auf das Doppelte geschätzt. Die warmblütigen Thunfische, einst über 4 m lang und bis zu 600 kg schwer, sind kaum mehr zu finden; immer kleinere, noch unreife Exemplare gehen in Netze und Langleinen. Thunfische sind grandios; sie könnten dreissigjährig werden; sie erreichen bis zu 80 km/ Std., tauchen bis zu 1 km Tiefe und durchschwimmen den Atlantik in weniger als 60 Tagen.

Noch alarmierender ist der Artikel in 289/1, Juli 2003, S.34-39 („Counting the last Fish“), in dem beschrieben wird, dass das Meer an den Küsten Canadas zerstört ist: in der Tiefe die Seeböden, in der Mitte durch Langleinen und Netze; dass zuerst die grossen, langsam wachsenden Raubfische Hai, Schwertfisch und Thun zu 90% weggefischt worden sind, und dass die Fänge nun die unreifen Tiere ergreifen. Gemäss Bund vom 5.8.2009, S.2 („Neue Sorgen für die Thunfischer“) betrugen die mittleren Gewichte im Jahre 2001 124 kg, heute 65 kg (Indonesien).

Laut FAO („Fair Fish“, Info 28, Aug. 2009) wurden im Jahre 2006 rund 110 Millionen Tonnen (110 Milliarden kg) Speisefische gewonnen; der weltweite Fischhandel belief sich 2008 auf einen Wert von Euro 75 Milliarden. Überschlagsmässig ergeben sich 100 Milliarden Fische, die jedes Jahr qualvoll krepieren; sie ersticken auf Deck oder werden lebend verarbeitet („Fair Fish“, Mai 2009).  Fisch ist zu billig. Von den rund 16 kg Fisch, die pro Mensch und pro Jahr verzehrt werden, stammen 8 kg aus der Zucht. Was wir hier aus Zucht verspeisen, entspricht Fischen, die mit Fisch gefüttert wurden, Fischen aus der Fischerei (rund 30 Millionen Tonnen). Fast 40 Millionen Tonnen Meerestiere bleiben jährlich als unerwünschter Beifang in Netzen und an Langleinen hängen (Wale, Delphine, Haie, Schildkröten, Seevögel u.a.). Diese Tiere werden tot oder verletzt über Bord gekippt (WWF, 10. 8. 2009). Trotzdem belaufen sich die Finanzhilfen für die Fischerei weltweit auf bis zu 27 - 30 Milliarden Dollar (!) (NZZ, 24.7.2010 und 22.2.2011). Plünderung wird staatlich gefördert.

In der Schweiz wurden im Jahre 2008 731’883 Tiere zu Versuchszwecken verbraucht. Es handelt sich um Mäuse, Ratten, Hamster oder Meerschweinchen, aber auch um 4623 Hunde, 639 Katzen, 345 Primaten und 1575 Pferde und Esel. In 11% der Fälle wurden Vögel verwendet. Mit 15’578 Versuchen schwerer Belastung (schwere Schmerzen, andauerndes Leiden, schwere Schäden, schwere oder andauernde Angst, erhebliche und andauernde Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens, tödlich verlaufende Infektions- und Krebskrankheiten ohne vorzeitige Euthanasie) ist die Zahl gegenüber dem Vorjahr (18’423) etwas gesunken (NZZ Nr.163,17.7.2009, S.15).

Tierversuche werden immer mit dem anthropozentrischen Argument gerechtfertigt, sie dienten einem höheren Zweck und darüber hinaus gehe es um die Freiheit von Wissenschaft und Forschung. Obschon die gigantischen Zahlen der weltweiten Tierversuche keine Aussterbe-Ereignisse nach sich ziehen, da die meisten Kleintiere eigens zu Versuchszwecken gezüchtet werden, ist letztlich die Rechtfertigung für alle Massenmorde dieselbe. Ich vermute, dass das Zeitalter der Tierversuche vor allem aus wissenschaftlichen Gründen zu Ende geht. Mein Argument als Molekularbiologe besagt: aufgrund gemeinsamer Baupläne und Funktionen (Herz, Kreislauf, Lunge, Niere, Leber etc.) mögen früher die grausamen Tierversuche grundlegende Erkenntnisse erbracht haben, die auf den Menschen übertragbar gewesen sind. Das ist heute alles bekannt. Die Biowissenschaften stossen nun in immer feinere Details vor. Die evolutiven Variationen können an sich hoch verwandte Proteine in funktionellen Abschnitten (im Vergleich der Arten) so verändern, dass toxikologische und pharmakologische Versuchs-Ergebnisse nicht mehr ohne Bedenken auf den Menschen übertragbar sind. Ferner münden Tierversuche fast nie in ein neues Medikament oder in eine verbesserte Therapie. Zudem ist der Markt vielfach mit Medikamenten (Herz, Kreislauf) gesättigt. Zu berücksichtigen ist auch, dass individuelle evolutive Veränderungen innerhalb der Spezies (Mensch) zu Reaktionen auf Substanzen bei den einen führen, die bei anderen nicht feststellbar sind. Mehr als die Hälfte aller neuen Medikamente sind menschliche Proteine. Da ist eine Prüfung im Tierversuch sinnlos, weil Tiere Antikörper gegen fremde Proteine entwickeln („Alternativen zu Tierversuchen sind gefragt“; NZZ, 16.9.2009, S.9). Leider sind Tierversuche in gesetzlichen Erlassen vorgeschrieben (Toxikologie, Pharmakologie), so dass man sich zur Zeit noch begnügen muss mit Reduktion, Verminderung von Schmerz und Stress, Ersatz durch andere Methoden und Transparenz. In der EU sind Tierversuche für die Kosmetik seit März 2009 verboten.

Gesetzeswidriges Verhalten von Wissenschaftern, wie auch von Tierversuchsgegnern ist strikt zu ächten, wenn auch die Zucht von Tieren und die Verwertung ihrer Hilflosigkeit, Schwäche und Kleinheit widerlich ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass die an sich wirtschaftsfreundliche Weltwoche das Thema behandelt (Weltwoche, 33/2009, S. 15). Jedenfalls steigt der Druck auf Regulatoren und Industrie, wie die NZZ Nr. 214, 16. 9. 2009, S. 9, („Alternativen zu Tierversuchen sind gefragt“) feststellt. Der Sci. American 294/1, Jan. 2006, S. 70-77 („Protecting more than Animals“) findet, die Vermeidung tierlichen Leidens  in der Biologie (Pharmakologie und Toxikologie) biete nicht selten den unerwarteten Vorteil, dass bessere Sicherheitstests entstünden. Das sei wesentlich, weil nur von einem Viertel der rund 100'000 gebräuchlichen Chemikalien die Sicherheit geprüft und bekannt sei; weitere Abklärungen an Tieren würden Hunderte von Millionen Tiere betreffen.

Massenmorde an Mensch und Tier gehen wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit: Karthago, Indien (Ashoka), Nahost (Kreuzzüge), Afrika (Raub- und Stammeskriege), Asien (Dschingis-Khan, Kublai-Khan, Timur), Australien (Aborigines), Balkan, China (Kulturrevolution), Deutschland (Shoa), Europa (dreissigjähriger Krieg, 1. und 2. Weltkrieg), Japan (Bürgerkriege, 2.Weltkrieg), Frankreich (Napoleon), Kambodja (Pol Pot), Russland (Iwan der Schreckliche, Revolution), USA (Bürgerkrieg, Indianerkriege), Mexiko und Chile (Cortez und Pizarro), Südamerika (Tasmanien, Feuerland), Türkei (Armenier).

Viele Motive bewegen mich, diesen Katalog meist fühl- und kopfloser Grausamkeit und Verschwendung aufzuführen; das Leiden im Wasser, zu Lande und in der Luft ist unfassbar. Da sind Bangigkeit, Entsetzen und Mitleid, Bewunderung für die Zähigkeit des Lebens trotz aller Katastrophen und Ehrfurcht vor der Geschichte des Lebens, weshalb ich mit der Evolution fortsetze. Wohl aber darf ein Zirkelschluss formuliert werden: Psychisch kranke menschliche Gesellschaften schaffen eine kranke Umwelt und eine kranke Umwelt ergibt kranke menschliche Gesellschaften.