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Anhang B

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Krankheitsbilder der modernen Gesellschaft

Die Aufkündigung der arbeitsteiligen Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau, Nachwuchsmangel in der industrialisierten Welt verbunden mit Überalterung, hohe Zahlen von Scheidungen, Abtreibungen und Selbstmorden. Für Männer im Alter zwischen 15 und 45 Jahren ist Suizid die häufigste Todesart. Mit rund 1000 Männern und 400 Frauen errechnet sich eine Suizidrate von 19 pro 100'000 Einwohner, was die Schweiz an die Spitze bringt (Schweiz. Àrztezeitung 2009; 90:32, S.1193). Singles und Alleinerziehende; lokale und weltweite Gewalt in Gedanken, Spielen, Sprache, Bild, Ton und Tat; Amokläufe, sexuelle Übergriffe und Totschlag aus Langeweile; Drogen und andere Süchte wie Genusssucht, Geldsucht, Spielsucht, Fresssucht; Probleme mit Erziehung, Schule, Ausbildung und Bildung; Probleme mit Teilen der Jugend, Mangel an echter Autorität und Vorbildern; Mangel an Stil und Höflichkeit; Vergötzung von Sportlern und Lärmproduzenten; Hast und Hektik wegen unsinnigen materiellen Glücksvorstellungen; Vollbeschäftigung unzähliger Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter und Berater; Erschöpfungserscheinungen (Burnout); Entblössung jeder Intimität; Müll, Lärm- und Lichtverschmutzung und Vergeudung jeder Art; Konsumwut, Bauwut; Jugendfimmel und Älterwerden um jeden Preis; Verbannung des natürlichen Todes; Ängste und Bedürfnis nach Sicherheit vor jeder Fährnis; überbordende Tätigkeit des Staates durch Delegation von Verantwortung an den Staat; Migration, Anonymität und Lockerung des sozialen Zusammenhaltes; Landflucht, Verstädterung und Arbeitslosigkeit, Langeweile und Sinnkrise: ein wüster Katalog von Zeichen der Beschleunigung und der Exzesse. Diese Erscheinungen treten durchaus nicht immer und überall auf; indes sind die Symptome häufig, bedingen sich gegenseitig, werden diskutiert und gleichen dem Algenwachstum in überdüngten Teichen oder dem Verhalten von Ratten im übervölkerten Käfig (selbst bei ausreichendem Futter). 

Ich empfinde Teile der Gesellschaft, mit der ich heute lebe, als vulgär und dekadent. Sie ist protzig, anspruchsvoll, jugendgeil bis infantil und nachahmungssüchtig geworden. Das Bauerntum schrumpft täglich, und das Handwerk wird von Industrieprodukten verdrängt, so dass der selbständige, selbstverantwortliche Kleinunternehmer zum Lohnempfänger mit andersartiger Lebensauffassung wird. Lebensmittel werden in unendlicher Fülle aus aller Herren Länder und unabhängig von den Jahreszeiten fein säuberlich verpackt in Supermärkten angeboten; dieweilen faulen Früchte an den Bäumen. Die Müllberge wachsen himmelhoch, und Lebensmittel werden als Abfall entsorgt. Materielles und Immaterielles verschränken sich. Die Aufwertung der Werte der Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit, Freundlichkeit, Verantwortung, Rücksichtsnahme, Bescheidenheit, Sparsamkeit,Selbstdisziplin, Qualitätsbewusstsein und des Fleisses wird zur Existenzfrage.

Geld und Geist: Entsprechend seicht sind viele Medien, entsprechend banal viele kulturelle Erzeugnisse. Die Befindlichkeit in einer Episode mit schrecklicher Auswirkung findet sich in William Golding’s „Herr der Fliegen“ (Roman, Fischer Taschenbuch Verlag, 47. Aufl., Frankfurt a.M., 2002).Der „Gossenreport“ (G.Henschel, Edition Tiamat, 2.Aufl., Berlin, 2006) beschreibt die Mentalität gewisser Massenmedien. Auch an sich brauchbare Begriffe werden aufgebläht wie Völkerrecht, Menschenrechte und Würde. Ich halte wenig von einem Katalog der Menschenrechte, solange nicht ein korrespondierender Katalog von Menschenpflichten und Tierrechten formuliert wird. Ebensowenig überzeugt mich die sog. angeborene Würde des Menschen. Das ist ein anthropozentrisches, juristisches Konstrukt ohne realen Inhalt. Der Mensch rage als „Krönung des Schöpfungsprozesses“ über alle anderen Elemente der Schöpfung hinaus. Dank dieser Einmaligkeit komme dem Individuum personale Würde zu, was in der philosophischen Theorie des Personalismus* begründet werde. Das ist ein typisch anthropozentrischer Fehlschluss, denn es ist ja gerade die Evolution, die in jedem Organismus bis hin zu den Bakterien und Viren merkbare und unmerkbare Änderungen schafft, so dass jedes Geschöpf einmalig ist (für Details S. Kapitel Evolutionstheorie). Werte würden nur vom Menschen gesetzt. Der Mensch selber gibt dem Menschen den Wert der Würde in Relation zu anderen Werten, die wiederum vom Menschen stipuliert werden. Der Mensch als Wesen, das Werte setze, könne selber keinen relativen Wert haben und stünde deshalb gleichsam über allen Werten, oder anders formuliert: der Mensch hat absoluten Wert (Würde gemäss Kant). Deswegen soll man dem Menschen mit Achtung entgegentreten. Durchaus – aber! Diese Werte wurden von wenigen ex Cathedra der ganzen Menschheit übergestülpt und hätten ebenso gut der ganzen Schöpfung verliehen werden können. Das Gros der Menschheit kümmert sich nur dann darum, wenn es gilt, weitere Forderungen bezüglich Arbeit, Freizeit und Vergnügen aufzustellen. Weder die Blutpumpe von Verdun (G. Werth: Verdun. Die Schlacht und der Mythos. Gustav Lübbe, Bergisch-Gladbach,1979) noch der industrielle Massenmord der Endlösung waren mit Würde der Ideologen und der ausführenden Organe vereinbar, noch der Umgang des Menschen mit der aussermenschlichen Schöpfung (Ch.Patterson: Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka. Über die Ursprünge des industrialisierten Tötens. 1.Aufl.,Zweitausendeins, Frankfurt a.M., 2004).

Ich sehe nicht ein, weshalb ich in der psychisch so breit diversifizierten Menschheit jedermann mit der gleichen, nicht hinterfragbaren Achtung beglücken soll. Ich nehme mir die Freiheit, Tierquäler, Menschenhändler, Massenmörder, Vergewaltiger, Lügner, Diebe und Betrüger unabhängig von ihrer individuellen Geschichte zu verachten. Vielmehr ist Würde etwas, das durch untadeligen Lebenswandel erworben werden muss, das aber selbst noch in hohem Alter wieder verloren gehen kann. Mit der absurden Rabulistik, die zwei verschiedene Konzeptionen von Würde einführt, ist letztlich gemeint: die Unverletzbarkeit der Person, der Schutz vor Folter und Diskriminierung; Anerkennung, Respekt, Schätzen, Beachten, Geltenlassen, Anhören, kurz gegenseitige Ethik und Anstand. Was man sagen kann, soll man klar sagen.

Ich halte auch wenig von der modernen Form der inflationären Demokratie. Die moderne Demokratie beruht auf einem Gefüge von Parteien, die nach der Macht streben, die aber in der Regel weder den Mut noch den Intellekt oder die Einigkeit aufbringen, strategisch klare und verständliche Zielsetzungen und Wege hiezu aufzuzeigen. Mit einigen Parteien und den meisten Politikern weiss der Stimmbürger nicht mehr, woran er ist. All die schönen Versprechungen, die während der Wahl- und Stimmkämpfe geäussert werden und mit denen der Stimmbürger und Steuerzahler geködert werden soll, tönen hohl. Die Qualifikationen vieler Kandidaten sind fragwürdig. Die Konkordanz wird zum Übel, wenn die Politiker im Laufe weniger Jahre, sich gegenseitig lobend, 130 Milliarden Schulden zu Lasten der kommenden Generationen anhäufen; diese Form der Konkordanz legalisiert organisierte Verantwortungslosigkeit.  Man fragt sich, mit wem es die Politik gut meint: ob mit dem Volk oder mit sich selbst.

Eine Demokratie, bei der das Tun und Lassen der Verantwortlichen auf Wiederwahl mit einem Horizont von vier Jahren ausgerichtet ist, bei der es darum geht, dem stets begehrlichen Volk nach dem Maul zu reden, wird unglaubwürdig. Die NZZ meldet am 31. August 2007, dass die Schweiz nun über 7.5 Millionen Einwohner zählt, wobei drei Viertel im urbanen Raum leben. Der Zusammenhang mit dem einseitigen Wachstums-Fimmel zeigt sich in einem Kommentar der NZZ vom 1./2. September 2007: „Die Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU hat es der Schweiz erst ermöglicht, das für den konjunkturellen Aufschwung der jüngsten Zeit notwendige Personal auch im Ausland zu rekrutieren, und das, nota bene, bei gleichzeitig sinkender Arbeitslosigkeit und steigenden Löhnen.“ Alle diese Menschen suchen Wohnung, Kleidung, Essen, Vergnügen, Autos und Strassen. Die Zersiedelung und Überbauung der Schweiz, die Verdichtung, sichtbar auf den Autobahnen, die ökologischen Schäden durch so viele Menschen in begrenztem Raum, die Verstädterung, die ungeheuren Investitionen in Bahn und Strasse, damit man einige Minuten früher von A nach B gelangt, die Lockerung der sozialen Strukturen und die Hektik sind beängstigend und provozieren einmal mehr die Frage, wann Vorteile in Nachteile umschlagen. In der NZZ Nr. 146, 27./28. 6. 2009, S.19, wird das ökonomische Dilemma der Finanz- und Wirtschaftskrise diskutiert. Die öffentlichen Schuldenberge, bis zu 114% des Bruttoinlandproduktes im Jahre 2014, müssen getilgt werden. Tilgung ist möglich, mehr oder weniger rasch, durch Sparen, durch erhöhte Steuern, durch Inflation (und durch Krieg, setzt der Autor hinzu). Sparen sei politisch unbeliebt(!), Steuererhöhungen schaden der Erholung, Inflation zeitigt katastrophale Folgen, u.a. durch steigende Zinsen – und somit bleibe nur das Wachstum. Das strategische Problem, das nie diskutiert werden darf, lautet, wieviele Menschen in einem gegebenen Raum leben können. Die Frage darf aus ideologischen Gründen nicht gestellt werden.