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Anhang A

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Folgenschwere Eingriffe in den Haushalt der Natur

 In seiner exzellenten Analyse klassiert Diamond die schwersten ökologischen Probleme, mit denen Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart sich auseinandersetzen müssen, in 12 Kategorien. Acht davon habe es früher auch schon gegeben:

1.Zerstörung natürlicher Lebensräume mit ihren wild wachsenden Lebensmitteln, z.B. Abholzung

2.Dezimierung der Arten und der Artenvielfalt

3.Böden und Erosion

4. Insbesondere die Fischerei in den Weltmeeren sei ein Musterbeispiel für die Tragödie der Allmende, also für Gebiete wie den Ozeanen, für die keine klaren Nutzungsrechte und Erhaltungsgebote bestehen.

5.Primärenergieträger (fossile Brennstoffe wie Öl, Erdgas und Kohle)

6.Wasser

7.Fotosynthese

8. Chemikalien. Zum Teil handelt es sich um natürliche Substanzen, die auf der Erdoberfläche angereichert werden und dort verbleiben wie Quecksilber, Blei und Kadmium; zum Teil werden Substanzen vom Menschen im Übermass produziert wie Hormone; zum Teil geht es um unnatürliche Substanzen, die der Natur unbekannt und nicht abbaubar sind, wie brandhemmende Chemikalien, Kühlmittel (chlorierte Kohlenwasserstoffe), Detergentien und Kunststoffe. Nach Diamond kommen allein in USA jedes Jahr nach vorsichtigen Schätzungen 130'000 Menschen durch Luftverschmutzung ums Leben, wobei Boden- und Wasserverschmutzung nicht mitgerechnet sind.

9.Neophyten („fremde Arten“) wie Kaninchen und Füchse in Australien und Ozeanien, Grauhörnchen in England, Mehltau in USA, Seerosen, Zebramuscheln, Neunaugen in den grossen Seen der USA, Ratten auf der pazifischen Inselwelt, schwarze Schwäne in der Schweiz. Neophyten werden in gleicher Weise verbreitet wie die „neuen“ Infektionskrankheiten.

10.Gase und Abgase wie CO2 und Methan (Viehzucht zwecks globalisierter Fleischfresserei).

11.Weltbevölkerung mit 12. ihren Auswirkungen auf die Umwelt. Erscheinungen jüngsten Datums sind unter 8–12 aufgeführt. Die Problemkomplexe hängen zusammen und verschärfen sich gegenseitig. Das Bevölkerungswachstum wirkt sich auf alle elf übrigen Probleme aus. Diese seien Zeitbomben, deren Zünder auf weniger als 50 Jahre eingestellt seien.

M.Miegel (NZZ Nr.28, 4.2.2008,S.23) beschreibt die Grenzen des materiellen Wachstums. T.Kesselring (NZZ Nr.63,17.3.2009,S.7) nimmt das Thema unter dem Titel „Unendlichkeit des Geldes, Endlichkeit der Natur“ wieder auf. Er schreibt am Schluss des Artikels: „Wie schwer sich die globalisierte Wirtschaft heute mit Begrenzungen tut, hat die spekulative Aufblähung flüchtiger Finanzblasen gezeigt. In der Folge steht sie nun vor der doppelten Aufgabe, die Finanzmärkte in den Dienst der Realwirtschaft zu stellen und diese auf Nachhaltigkeit auszurichten. Für beides müsste die Politik jetzt endlich die Weichen stellen“ (Hervorhebung durch Autor). H.Münkler (Die neuen Kriege. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 5.Aufl., 2003) umreisst die neuen Kriegsformen, die Erosion des Machtmonopols der Staaten und des Völkerrechts. Marodierende Banden unter „Warlords“, verbunden mit der internationalen Kriminalität verwüsten Landwirtschaft und Natur. Alan Weisman (Die Welt ohne uns. Piper Verlag, München, 2007) stellt uns vor, was bleibt, wenn der Mensch aus unbekannten Gründen plötzlich verschwände. Jedenfalls würde keine Trauer, vielmehr Erleichterung ausgelöst. Bill Bryson (Eine kurze Geschichte von fast allem. Goldmann Verlag, München, 2. Aufl., 2005) erzählt im Kapitel „Auf Wiedersehen“ die Geschichte unzähliger Ausrottungen, auf die ich in Anhang C zurückkommen werde.

Im Sci.American 293/3, Sept. 2005, Seiten 22-93, befassen sich zahlreiche Autoren in  der  Spezialnummer „Crossroads for Planet Earth“ mit den Fragen bezüglich Bevölkerung, Jung und Alt, Reich und Arm, mit Verstädterung, Landwirtschaft und Wald, mit dem Potential von Kleinbetrieben, mit dem Aussterben, mit der Klimaerwärmung, mit Gesundheit und mit der Ökonomie in einer überfüllten Welt. Der „Indianer-Bischof“ E.Kräutler warnt vor Amazoniens Kollaps (NZZ, Nr.45,24.2.2009, S.5). Ein Fünftel der Wälder sei zerstört, weitere 20% angegriffen. Der Verzicht auf Staudämme und Agrosprit sei von transkontinentaler Priorität. Die Transamazônica allein habe die Bevölkerung in der Region von 5000 auf 90'000 anschwellen lassen. Das Wasserkraftwerk von Belo Monte am Rio Xingú, das bis 2014 aus 4-5 Stauwehren bestünde, würde den 2000 km langen Fluss weitgehend verwüsten. Die Lebensgrundlagen indigener Gemeinschaften würden verloren gehen. Biotreibstoff sei ein weiterer Nagel in den Sarg. Pro Tonne Zuckerrohr würden 4000 L Wasser zur Säuberung verschwendet und pro L Alkohol entstünden 12 L Abfall.

Ähnliches beschreibt U-P. Stäuble (Schweiz.Ärztezeitung 2006; 87:14,S.633-634, „Die rasante Zerstörung der Urwälder in Südamerika“).Im Sci.American 299/4, Okt.2008, S.16-17, werden die illegalen Brandrodungen in der Maya Biosphäre-Reservation belegt („Danger in the Forest“). Die riesigen Brandrodungen in Indonesien, deren Rauch den Himmel noch in Singapur verdunkelte, haben Schlagzeilen bewirkt, desgleichen die  Waldbrände in USA, Australien, Spanien, Frankreich, Griechenland, Russland (2010) und anderswo. Von brennenden Tieren war kaum die Rede. Immerhin vermerkte die NZZ (6. Sept. 2007), dass während der Waldbrände in Griechenland 60'000 (!) Schafe und Ziegen verendeten, sowie 2800 km2 Wald und 4.5 Millionen Olivenbäume vernichtet worden sind. Man stelle sich vor: 60'000 Menschen wären in Bränden verbrannt, erstickt oder auf der Flucht erschöpft oder verletzt allmählich gestorben; ein Aufschrei ginge zu Recht durch die Medien der Welt. Warum verdienen die Schafe und Ziegen diesen Aufschrei nicht? Gibt es nur einen Marktwert? Leiden sie denn weniger als Menschen?

Feuer ohne Ende: „Der Planet Erde ist eine gigantische Feuerstelle. Es brennt in Savannen, Steppen und Wäldern und Kohlengruben“. Der Kleine Bund, 17.8.2010, S. 35, zeigt eine erschreckende Nasa- Satellitenkarte mit Brandherden (grösser als 500 Meter) während der ersten 10 Augusttage. Alle Regionen der Welt sind betroffen. In Mexiko fielen zwischen 1990 und 2000 350'000, von 2000 bis 2005 260'000 Hektaren Wald der illegalen Forst- und Landwirtschaft zum Opfer (NZZ, Nr. 208, 9.9.2009, S.7).

Schon 2009 prognostiziert ein Artikel in der NZZ („Der Klimawandel wird Indien teuer zu stehen kommen. Dem Subkontinent drohen durch die Veränderung des Monsuns mehr Dürren und Flutkatastrophen“; 21.11.2009, S.9) das, was nun eingetreten ist. Dass der Mensch an der Katastrophe Pakistans mit den Überschwemmungen durch den Indus und den Chenab, die ihre Quellen in Kaschmir haben, noch in anderer Form beteiligt ist, erwähnt M. Hanif aus Karachi in der NZZ, 27.8.2010, S. 45 („Der grosse Marsch der Unsichtbaren“): er zitiert den Dichter Ashou Laal aus dem Punjab, der im rasenden Zorn des Indus die Antwort auf kollektive Gier und die systematische Vergewaltigung des Landes sieht. Strassen, Häuser und Brücken seien im Bett des einst gewaltigen, doch in den letzten Dekaden verkümmerten Flusses errichtet worden. „Als der Indus nun mit aller Macht zurückkehrte, konnte er seinen gewohnten Weg nicht finden. Er hetzte nach hüben und drüben wie ein toller Hund, der seine frühere Wohnstatt sucht, und verschlang alles, was sich ihm in den Weg stellte“. Die Abholzung in Kaschmir dürfte auch eine Rolle spielen.

Nicht weniger brisant ist die Anhäufung von Müll zu Lande. In Mexiko-Stadt werden tagtäglich 2500 Tonnen Müll ungetrennt weggeworfen („Don Pablo und der Müll von Mexiko-Stadt“; NZZ, 21.8.2010, S.9). Der Abfall bedeckt fast 700 Hektaren in einer Höhe von 18 – 25 Meter. Zur Hälfte besteht er aus organischem Material, das Methan entlässt und das Grundwasser verunreinigt.

China produziert 2.3 Millionen Tonnen Elektroschrott, USA 3 Millionen Tonnen, Indien 450'000 Tonnen (TVs, Kühlschränke, PCs und Mobiltelefone). Wie China importiert Indien Abfall: Elektromüll aus USA, Europa, Japan und Russland wie auch Metall, Papier, Altglas, Plastik, Batterien und anderes mehr. Elektroschrott enthält wertvolles Material wie Gold, Kupfer oder Kobalt, aber auch giftige Chemikalien wie Blei, Arsen, Kadmium, Quecksilber, PVC und Dioxine. In vielen Orten Indiens wird Elektroschrott in illegalen Werkstätten in primitivster Weise rezykliert. Die hierzu verwendeten Säuren werden schliesslich ausgegossen und vergiften Böden und Grundwasser (NZZ, 2.7.2010, S.7: „Indien droht im Elektromüll zu versinken“).

Welch verheerende Folgen gierige Eingriffe in den Haushalt der Natur zeitigen, exemplifiziert der Sci.American 298/4, April 2008, S. 44-51, am Beispiel des zentralasiatischen Aral-Sees („Reclaiming the Aral Sea“). Um 1960 handelte es sich um den viertgrössten See der Welt. Ableitung der Zuflüsse für Baumwoll-Plantagen liess den See bis 2007 auf 10% der Fläche schrumpfen. Das Wasser der drei kleinen Restseen ist dermassen salzig, dass kein Leben mehr darin gedeiht. Die Küstenstädte sind kollabiert. Die vertrockneten Seebetten wurden zu toxischen Abfallgruben, deren Staub der Wind verbläst. Mit ungeheuren Kosten versucht man jetzt, etwas zu renaturieren. Ähnliches gilt für den afrikanischen Tschad-See mit ehedem 54'000 km2, der ebenfalls seit 1960 auf 10% seiner Fläche eingeengt worden ist. Das Klima hat sich verändert und Säuger und Vögel werden rar; betrug der Fischertrag 1960 40'000 Tonnen, so lag er 2004 bei 200 Tonnen. Nach einem Interview mit dem mongolischen Schriftsteller G. Tschinag (Deutsches Bundesverdienstkreuz 2002) im Bund  vom 8.Aug.2009, S.3, leidet auch die Mongolei unter Klimaveränderungen; regenlose Jahre hätten die Humusschicht in der Steppe abgetragen und während grasloser Jahre seien Millionen von Tieren eingegangen.

Ein weiteres übles Beispiel bietet Cancún an der Karibikküste der Halbinsel Yucatán (NZZ, Nr.208, 9.9.2009, S.7: „Cancún ist  auf Sand gebaut“), wo die mexikanische Regierung in den 70er Jahren eine Retortensiedlung aufgebaut hat – ein hässlicher Komplex mit Hotels und Restaurants Dach an Dach. Zu diesem Zweck mussten die Mangrovensümpfe mit ihrer reichen Flora und Fauna und dem natürlichen Schutz vor Wind und Wellen trocken gelegt werden.  Die Hurrikane „Gilberto“ 1988 und „Wilma“ 2005 trugen 90% des Sandes fort. Nachdem 2006 2.8 Millionen m3 Sand nach Cancún  transportiert worden waren, war nach einem halben Jahr die Hälfte davon wieder weg. Erneut sollen bis Ende November 2009 aus einer nahen Insel 6 Millionen m3 Sand zu $ 75 Millionen  angeschleppt werden, wodurch 1.5 Millionen Arbeitsplätze erhalten blieben. 

Nochmals Abfall. Das Kapitel wird im NZZ-Folio vom Juli 2009 unter dem Titel „Abfall“ eingehend beschrieben. Obwohl immer mehr wieder verwendet werde, wüchsen die Abfallberge unentwegt. In der Schweiz sei die Wirtschaft in den letzten 25 Jahren um 40% gewachsen, um gleich viel wie die Abfallmenge. Pro Kopf produzieren wir jährlich 709 kg Müll, insgesamt 5.5 Millionen Tonnen. Im Abschnitt „Eine Ahnung von Apokalypse“ fasst Peter Haffner die Befunde zusammen, wonach sich im Pazifik auf einer Fläche, die der vierfachen Deutschlands entspricht, aufgrund von Meeresströmungen der Plastic-Müll der Welt sammelt: Flaschen, Deckel, Tüten, Bruchstücke, Ballons, Hüllen, Styroporbecher,  Waschmittelkanister, Gewirre von Fischnetzen und Angelschnüren, rund 3 Millionen Tonnen von Kunststoff östlich und westlich von Hawaii. Gemäss UN Environment Programme (Unep) finden sich heute auf jedem km2 Ozean rund 18'000 Plasticstücke, woran bis 1 Million Seevögel zugrunde geht, weil sie Plastic mit Futter verwechseln; 100'000 Meeressäuger und Schildkröten verenden in diesen Netzen. Sie verhungern qualvoll, oft mit vollem Magen, weil Plasticscherben den Verdauungstrakt aufgeschlitzt oder verstopft haben, so dass sie weder fressen noch defäzieren können. Nördlich der karibischen Inseln findet sich eine weitere riesige Müllhalde, wo bis zu 200'000 Plasticstücke pro Quadratkilometer auf dem Wasser treiben (Kleiner Bund, 4.5.2010, S.29). Plastic ist gleichsam unzerstörbar; er zerfällt zu Körnchen und wird miniaturisiert durch Reibung und Sonneneinstrahlung. So gelangt er auch in Muscheln, kleine Fische, Würmer und sogar ins Plankton. Die bisherige Gesamtproduktion an Plastic wird auf über eine Milliarde Tonnen geschätzt.

Eines der furchtbaren Kapitel betrifft unseren Umgang mit der wertvollen Ressource Erdöl. Am 20. April 2010 explodierte die Bohrinsel Deepwater Horizon und geriet in Brand. Am 22. April versank sie und riss auf dem Meeresgrund in 1600 m Tiefe mehrere Lecks auf. Die Plattform gehört der Gesellschaft Transocean, die hier im Auftrag von British Petroleum (BP) tätig ist. Transocean verfügt über 140 Bohrinseln und ist auf Tiefwasserbohrungen spezialisiert. In diesem Fall liegt das Ölreservoir 5000 m (!) unter Meeresgrund. Alle Rettungsversuche scheiterten, bis am 16. Juli die Lecks provisorisch verschlossen werden konnten. Unter hohem Druck strömten inzwischen rund 5 Millionen Barrel (etwa 800 Millionen Liter) heisses Öl in den Golf und verschmutzten 1000 km Strände und Naturschutzgebiete. Wie die folgende Liste (Bund, 30.4.2010, S.34) zeigt, handelt es sich um die grösste Ölkatastrophe der Geschichte.

16.3.1978: Bretagne, Amoco Cadiz, 223'000 Tonnen

3.6.1979: Golf von Mexiko, Explosion der Bohrinsel Ixtox Uno, 1 Million Tonnen

19.7.1979: Tobago, Atlantic Empress, 287'000 Tonnen

24.3.1989: Prinz-William-Sund, Alaska, Exxon Valdez, 45'000 Tonnen, 1700 km Küste

1991: Golfkrieg, Persischer Golf, 1 Million Tonnen, 560 km Küste

16.2.1996: Südküste von Wales, Sea Empress, 147'000 Tonnen

12.12.1999: Bretagne, Erika, 20'000 Tonnen, 400 km Küste

2009: Bohrinsel Montara, Timor Sea, 4500 Tonnen

Die Liste ist bei weitem nicht erschöpfend. Die Ölindustrie verschmutzt auch anderswo. Gemäss Bund (24.6.2010) ist in Nigeria, Kanada und Sibirien diese Form der ökologischen Katastrophe Alltag. Die Sicherheitsmängel der britischen Plattformen in der Nordsee nehmen zu (NZZ, 25.8.2010, S.23).

Das Ausmass der Schäden am Meeresgrund und im Wasser ist unklar. Der Golf von Mexiko ist Geburtsstätte nicht nur der westatlantischen Thunfische. Von den Stränden ist das qualvolle Verenden ansässiger Tiere bekannt. Die Auswirkungen der Detergentien sind wenig erfasst. Das Beispiel der Exxon Valdez zeigt, dass sich die Natur auch nach Jahrzehnten nicht vollständig erholt (Bund, 8.5.2010, S.40). Angeblich verbleibt nur etwa ein Viertel der ausgeflossenen Ölmenge im Golf zurück; Abschöpfung, Verbrennung, Verdunstung, bakterielle Einwirkung sollen das Öl (an der Oberfläche) schnell reduzieren (NZZ, 29.7.2010). Ich zweifle, zumal abgesehen von der Abenteuerlichkeit von Bohrungen in solchen Wassertiefen menschliche Fahrlässigkeit und Schönreden eine grosse Rolle spielen („Der Staat als Handlanger der Öl-Industrie. Ein brisanter Report zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bringt einen Sumpf von Korruption zum Vorschein“; Bund, 26.5.2010, S.2). Dieser Tage ist in Ecuador der Ölkonzern Chevron zu einer Zahlung für Schäden an Menschen und Umwelt von 8.6 Milliarden Dollar verurteilt worden. Es ist unbestritten, dass während vieler Jahre Urwaldgebiete und Gewässer verseucht wurden. Der Fall zieht sich hin seit 1993 (!). Ob Chevron je zahlen muss, ist ungewiss (NZZ, 16.2.2011, S.3). Zu berücksichtigen ist, dass solche Ereignisse zusammenwirken mit ohnehin überlasteten und geschädigten Meeren. Zum Beispiel hat Algenwachstum in Küstennähe (Dünger!) über 400 Problemzonen („Todeszonen“) mit Sauerstoffmangel geschaffen; sauerstofffrei sei eine Gesamtfläche von mehr als 250'000 Quadratkilometern. Die NZZ (4.8.2010, S. 49) zeigt eine Karte, derzufolge die Küsten aller Kontinente betroffen sind. Ferner nimmt die Konzentration an Phytoplankton global ab, vermutlich durch Erwärmung und Übersäuerung der Ozeane. Plankton aber ist die Basis der maritimen Nahrungskette (Bund, 4.8.2010, S.27). Umso erstaunlicher ist die Unbelehrbarkeit von Industrie und Politik. Im Golf von Mexiko liegen 3500 Bohrinseln in Küstennähe; die Zukunft liege „offshore“ (NZZ, 28.5.2010, S. 28): Arktis, Brasilien, Grönland, Kaspisches Meer, Libyen, Nigeria, Südatlantik. Die NZZ (27.8.2010, S.6) titelt: „Der Wettlauf um Grönlands schwarzes Gold ist im Gang“. Anscheinend geht es um den schwachsinnigen Traum der ökonomischen Unabhängigkeit von Dänemark, mit dem in der Baffin-Bucht unter extremen Verhältnissen mit Eisdecke im Winter und Eisbergen im Sommer grösste Risiken in Kauf genommen werden.

 Auf den Zusammenhang des Wachstums der Weltbevölkerung mit den sog. „Neuen oder wiederkehrenden Infektionskrankheiten“ muss dringend aufmerksam gemacht werden. Ich beschränke mich hier meist auf virale Krankheiten und lasse Syphilis,Tuberkulose, Lepra, Cholera, Ruhr, Typhus, Pest, Diphtherie und Malaria (stellenweise wiederkehrend) beiseite. Die Verstädterung mit Verdichtung, Arbeitslosigkeit, Armut und Zerfall sozialer Strukturen befördert Influenza, Dengue, HIV; die Intensiv-Landwirtschaft vervielfacht Arena-, Bunya-, Flavi-, Toga- und Poxviren (Abholzung, Brandrodung, Monokulturen: Reis, Mais, Weizen, Kakao, Kaffee); Moskitos als Überträger werden begünstigt durch Bewässerung und Müll (Autopneus), die Resistenzentwicklung von Erregern durch Massentierhaltung sowie durch Pestizid- und Antibiotika-Missbrauch. Direkter Zusammenhang ist belegt zwischen Massentierhaltung  und Influenza- und Nipahviren, zwischen Tierhandel und SARS, zwischen lokalem und weltweitem legalem und illegalem Transport von Tieren, Pflanzen und Gütern und dem West-Nil-Virus in USA. Dammbauten(Energie) führen zur Ausbreitung des Rifttal-Fiebers und des Hanta-Virus sowie von Wurmkrankheiten. Migration, Massentourismus, der Kampf um Ressourcen sowie Kriminalität, Bürgerkriege, Wilderei hängen zusammen mit HIV-, Ebola- und Lassafieber-Infektionen. Diese Zusammenhänge sind unwiderlegbar (Koblet,H.:New Ecological Niches for Viruses in a Future Europe. I.New Diseases,Changing Viruses. Med.Microbiol.Letters 1992,1:135-144. II. Changing Ecology and Viral Traffic. Med.Microbiol.Letters 1992,1:185-194. Koblet,H.: Vorwort und Einführung zu Infektionskrankheiten im 21. Jahrhundert,Heft 1 der AIDS-Aufklärung Schweiz,2000, S. 5-19.)

Wie immer haben unter diesen durchwegs durch menschliche Aktivitäten provozierten Krankheiten die Tiere am meisten zu leiden. Das West-Nil-Virus aus der Familie der Flaviviren zum Beispiel, nach USA 1999 durch Tierhandel importiert, befällt 18 Säugerarten mit dem Menschen, 8 Reptilienarten, 157 Vogelarten und 36 Insektenarten. Vierzig Pferde und rund 125'000 Vögel starben daran 1999 in den USA. Das Coronavirus SARS mit Ausbruch aus China im Jahre 2003 infiziert Menschen, Frettchen, Katzen, Affen und möglicherweise Schweine und Hühner. Die auf den infamen chinesischen Tiermärkten als Delikatesse gehandelten Zibetkatzen wurden als Überträger beschuldigt; rund 10'000 dieser Tiere wurden deshalb getötet. Das Ebola-Virus ist für Affen unweigerlich tödlich. Die Paramyxoviren Hendra und Nipah, Ausbruch ab 1994, erfassen Pferde, Hunde und  Katzen; 89'000 Schweine starben daran, und mehr als 1 Million wurde von der malaysischen Armee erschossen. Am Masern-ähnlichen Staupevirus verstarben ab 1988 über 20'000 Seehunde. Influenza-Viren befallen Robben, Katzen, Schweine, Pferde, Kamele, Hühner und Wasservögel; ab 1983 wurde deswegen (Influenza H5N1) wenigstens 1 Milliarde Hühner getötet, teilweise lebendig  verscharrt oder verbrannt (verschiedene Länder). Wegen der wieder importierten Maul- und Klauenseuche wurden in England 2001 6.2 Millionen Tiere „gekeult“. Die bovine spongiforme Enzephalitis, bewirkt durch kontaminiertes Fleischmehl zur Futter-Anreicherung der überlasteten Milchkühe mit Proteinen, befiel in England ab 1993 mehr als 180'000 Rinder, worauf 4.5 Millionen verbrannt wurden. In Ägypten sind neulich aus ideologischen Gründen unter dem Prätext der „Schweinegrippe“(H1N1) 350'000 Schweine erschlagen worden (NZZ, Nr. 100,  2.& 3.5. 2009). In Holland wurden 40'000 Ziegen wegen des Queensland (Q-) - Fiebers getötet, das von einem Bakterium ausgelöst wird. 60 Zuchtbetriebe waren betroffen (NZZ, 17.12.2009).

Klimaveränderungen scheinen auch mit Essgewohnheiten verknüpft zu sein. Gemäss Sci.American 300/2, Feb. 2009, S. 62-65 („The Greenhouse Hamburger“) nimmt weltweit der Konsum an Rindfleisch um 1% pro Jahr zu. Die jährliche Fleischfresserei des Durchschnitt-Amerikaners bewirke soviel Ausstoss an klimawirksamem Gas (Methan) wie sein Auto während Fahrten über 1800 Meilen. Der Verzehr beträgt pro Kopf und Jahr in Argentinien 120 Pfund, in USA 92 Pfund, 50-70 in Europa. Die UN Food & Agricultural Organisation(FAO) rechnet mit 6.5 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr als Resultat dieser Fleisch-Produktion, was 18% des Totals von 36 Milliarden Tonnen  ergibt. Massentierhaltung ist ökonomisch und ökologisch unhaltbar. Nach J. S. Foer (Tiere essen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010), der in seinem Buch gegen die Massentierhaltung auch die Verrohung des Menschen beschreibt, gehen 50% der Treibhausgasemissionen auf die landwirtschaftliche Nutztierhaltung zurück; damit verbunden Zerstörung der Wälder, Krankheiten und Antibiotika-Missbrauch. Im Dezember 2009 kenterte ein Viehtransport-Schiff auf dem Weg von Uruguay nach Syrien vor Tripolis. Über 10'000 Schafe und gegen 18'000 Rinder ertranken. Die Tiere waren 3 Wochen lang unterwegs gewesen.

Wasserprobleme sind auch damit verbunden. Lediglich 2.5% der globalen Wasservorkommen sind Süsswasser; davon fliessen 80% in die Landwirtschaft. Mehr als 1 Milliarde Menschen lebt heute von kaum erneuerbarem Grundwasser (NZZ,Nr.97,28.4.2009, S. 19 und Nr.59,12.3.2009,S.7).Für die Herstellung eines kg Rindfleisch sind 15’000 L Wasser notwendig. Gemäss Sci. American, der sich all diesen Problemen in auffallender Häufigkeit  zuwendet (299/2, Aug.2008, S.28-35: „Facing the Fresh Water Crisis“) beträgt der Minimalbedarf pro Person 1000 m3 pro Jahr.

Nicht verkneifen kann ich einen Kommentar zu den unsinnigen Wintersport-Vergnügen in Industrie-Ländern. In einem harten Winter mit Tiefschnee (z.B.2008/2009) kommen Wildtiere wie Rehe, Gemsen, Steinböcke, Hasen und Schneehühner an den Rand ihrer Kräfte und drohen zu verhungern. Sie sollten Ruhe haben; aber immer neue Sportarten eines gedankenlosen, vergnügungs- und bewegungssüchtigen Publikums erobern Gebiete, wo früher Stille herrschte (Speedflyer, Schneeschuhlaufen, Variantenskifahren) und treiben die Tiere durch den Tiefschnee und in Lawinenhänge. Allein im Winter 2008/2009 wurden 78'000 Paar Schneeschuhe verkauft (Bund, Mi., 25.2.2009, S. 19). Die Todesrate von verhungerten und erschöpften Tieren in diesem Winter muss (in der Schweiz) aussergewöhnlich hoch gewesen sein. „Die Tiere haben ihre Reserven aufgebraucht“ (Bund, 25.2.2009, S. 19).